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Auf der Fläche · Transparenz

Keiner weiß, was da ist

Drei Tonnen Rohmaterial im System, 200 Kilo im Regal: Warum fast jede Lieferkettenkrise damit anfängt, dass niemand weiß, was tatsächlich vorhanden ist.

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Wer eine Krise in der Lieferkette von außen betrachtet, sieht ein fehlendes Teil. Wer hineingeht, findet fast immer etwas anderes: Niemand im Unternehmen kann verlässlich sagen, was vorhanden ist, wo es liegt und in welcher Menge. Die Systeme sind gepflegt, die Stücklisten existieren, die Bestände stehen im ERP – nur stimmen sie nicht.

Das ist keine Nachlässigkeit. Es ist die Folge von Jahren, in denen unter Druck gearbeitet wurde und jede Korrektur an anderer Stelle gefehlt hätte. Sichtbar wird es erst, wenn jemand die Halle abgeht und nachzählt.

Die folgenden Beiträge beschreiben, wie dieser Zustand entsteht, woran man ihn erkennt und was passiert, wenn man ihn ausräumt. Alle drei Sprecher kommen unabhängig voneinander auf denselben Punkt – das ist kein Zufall, sondern der Ausgangspunkt unserer Arbeit.

10 Beiträge · 4:18 Minuten insgesamt

Drei Tonnen im System, 200 Kilo im Regal

Benjamin Bathe · Restructuring Lead

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Es gibt zwar die Systeme und es gibt auch Stücklisten und Lagerbestände und eine BOM, aber stimmt das? Und dann ging es los und das ist genau das, was ich an dem Job einfach mag. Wir arbeiten nicht vom Büro aus, sondern ich bin dann rüber ins Lager, eine Straße weiter, Warnweste angezogen, Sicherheitsschuhe angezogen und bin dann durchgegangen und habe da mal eine Inventarisierung gemacht. Die habe ich auch selber gemacht und bin jedes Rohmaterial durchgegangen und dann haben wir ziemlich schnell herausgefunden, dass vielleicht von den drei Tonnen doch nur noch 200 Kilo da sind. Und so sind wir plötzlich auf Probleme gekommen, die in der Firma gar nicht bekannt waren.

Womit fängt eine Krise fast immer an?

Michael Klaming · Operations Lead

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Es gibt schon sehr viele Punkte, die immer wieder bei so Krisenprojekten eigentlich sich wiederholen. Die lernt man mit der Zeit natürlich dann kennen und sagt, ja okay, im Großen und Ganzen startet es eigentlich irgendwo immer mit fehlender Transparenz. In verschiedenen Bereichen vielleicht. Und da fängt dann das große Problem eigentlich an. Man hat was oder auch nicht. Man weiß aber nicht, wo man es überhaupt hat, wenn man es hat und zu wieviel Stück vielleicht. Und so geht das Problem dann los.

Wie verliert man ein Teil in der eigenen Halle?

Michael Klaming · Operations Lead

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Man produziert etwas, hat mehrere Prozesse, um ein Produkt vom ursprünglichen Entstehungsprozess bis zum finalen Fertigstellungsprozess durchlaufen zu lassen. Und jetzt hat man seine Anlagen aufgebaut, die Materialflusskette, und irgendwo habe ich in der Vorproduktion etwas gemacht und ich finde es aber im ersten Moment nicht mehr. Klingt doof, ist aber tatsächlich so, dass irgendwo eine Halle mit 30.000, 40.000 Quadratmetern steht und die ist halt rammelvoll mit Teilen.

Und ich weiß jetzt aber nicht, habe ich dieses spezifische Teil tatsächlich für diese benötigte Menge, damit ich den nächsten Folgeprozess starten kann? So simple Themen sind das oft.

Zehn Meter tief, fünf Meter hoch – wer weiß, was hinten steht?

Michael Klaming · Operations Lead

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Wir sind in Firmen gewesen, das waren Lagerhallen voll mit Teilen in Kartonagen. Zehn Meter tief und fünf Meter hoch. Kein Mensch wusste, was in der vierten Reihe dahinten steht. Niemand.

Warum räumt das niemand auf?

Michael Klaming · Operations Lead

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Niemand hat natürlich dann in so einem Betrieb, wo es eh schon um die Wurst geht, wo der Kunde jeden Tag alarmmäßig anruft, dann noch die Zeit meistens, sich das alles auseinanderzufahren und zu schauen, wo habe ich denn was.

Stimmen die Lagerbestände wirklich?

Benjamin Bathe · Restructuring Lead

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Stimmen denn die Lagerbestände? Ist es denn sicher, dass die drei Tonnen Rohmaterial, die da im Lagerbestand drinstehen, dass die auch da sind? So berechnest du ja, wie lange du noch produzieren kannst.

Was ist der erste Schritt, wenn Sie vor Ort kommen?

Michael Klaming · Operations Lead

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Fehlende Transparenz ist so das Hauptthema, wo wir immer wieder feststellen, wenn wir vor Ort kommen, das allererste, wenn du dort die anwesenden Angestellten befragst, dich mit denen unterhältst, die wissen teilweise nicht, wo was zu wie viel Stück vorhanden ist. Und das ist immer so unser erster Step, dass wir halt, wenn wir vor Ort sind, mal reingehen und schauen, okay, wie ist denn die Datenlage, wie schaut das überhaupt aus.

Warum braucht man jemanden, der das Lager kennt?

Benjamin Bathe · Restructuring Lead

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Es gab keine festgelegten Stellplätze, es gab teilweise nicht mal Regale, es stand alles irgendwo und dann fängst du erstmal an, du gehst da wirklich mit Zettel und Stift durch, prüfst die ganzen Sachen und das ist dann aber auch die Situation, wo du gleich merkst, okay, da brauche ich einen, der sich im Lager auskennt, der da wirklich jeden Tag drin ist, der weiß, wo was steht, weil wenn ich jetzt ein spezielles Rohmaterial suche, wo es jetzt vielleicht gleich besonders pressiert, da renne ich eine Stunde rum und finde es mit gut Glück, wenn ich den Kollegen frage, dann sind wir da in einer Minute und ich kann sofort Bescheid geben, das und das ist noch da, haben wir ein Problem oder haben wir keins.

Wann hilft schlichtes Aufräumen?

Michael Klaming · Operations Lead

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Manchmal ist es wirklich ganz salopp gesagt, simples Zusammenräumen, das Herstellen von 5S und einfach wieder mal sortieren, schlichten. Habe ich das Produkt, gibt es den Kunden überhaupt noch, wo ich da 10.000 Teile stehen habe, brauche ich das noch? Nein, raus!

Warum ist Transparenz der Kern jedes Problems?

Michael Klaming · Operations Lead

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Ich merke es halt einfach aus den jahrelangen Bereichen, wo wir waren, dass eigentlich immer das Problem da begonnen hat, dass die Leute gar nicht gewusst haben, dass sie eigentlich ein Problem haben, weil sie gewisse Bereiche einfach nicht am Schirm hatten, weil einfach ihre Informationen nicht ausreichend da waren, um das Gesamtbild zu sehen. Deswegen führe ich das auf dem Bullet-Point Transparenz zusammen, sage ich jetzt mal, weil wenn ich alle Bereiche kenne und entsprechend mein Frühwarnsystem da habe, dann kann ich reagieren.

Wenn ich aber ein Problem nicht erkenne, dann wächst es ja eigentlich erst zu einem richtigen Problem heran. Und dann komme ich ja eigentlich erst in diese Bereiche, wo es schwierig wird. Und je länger ich natürlich das Ganze herauszögere, desto mehr bauscht sich das auf, desto mehr Folgeprobleme entstehen und irgendwann bin ich halt an einem Punkt vielleicht, wo gar nichts mehr rumgeht.

Fehlt Ihnen gerade dieser Überblick?

Dann ist das der Punkt, an dem wir anfangen.